bring´ mich nach Hause

Dieses Land, in dem man Dinge sagt wie: “Das wird schon wieder. Wir haben ganz andere Dinge geschafft.” – “Dahinten wird es schon wieder hell!” – “Du bist aber irgendwie dünn geworden.” – “Willst du beim Lesen nicht lieber das Licht anmachen?” – “Immer lässt du den letzten Schluck Kaffee drin!”. Dieses Land ist sauöde, diese Sätze sind Rituale, aber das Land beherbergt die besten Menschen der Welt und die Fragen geben Sicherheit. Den anderen und mir. Keiner kann erklären, warum selbst frisch renovierte Krankenhäuser etwas Unwirtliches ausstrahlen müssen. Warum Krankenschwestern dieses Robuste verkörpern – im wahrsten Sinne – , das stets kurz vor Erzeugung von Angst steht. Sie haben diese kleinen runden silbernen Uhren am Revers, mit denen sie mit kalttrockenen Zeigefingern den Puls am Handgelenk des Patienten messen. Ständig stecken sie die Köpfe in das Zimmer des (Privat-)Patienten wider Willen, ständig fragt die Gegenseite, ob das Zimmer verlassen werden soll. Als gäbe es in diesem Land noch Geheimnisse oder Tabus.

Überall riecht es leicht nach Desinfektion, abgestandener Luft und Hoffnung(slosigkeit). Der Zwang, einander zu grüßen, wenn man als Besucher sich auf dem Gang begegnet. Die Kranken erkennbar an ihren neuen Schlafanzügen und Schlappen und Beuteln und Gestängen, die Besucher in ihrem festen Willen, Frohsinn auszustrahlen. Wenn man sich beim Wasserzapfen begegnet, muss man Gespräche führen, die immer etwas zu lang für die ausgetauschten Belanglosigkeiten scheinen. Wir haben alle vergessen, wie normal nochmal geht. Aber wir versuchen alles, uns daran zu erinnern und die Fassade aufrecht zu erhalten. Es tut gut, dass die Liebe auch jene Barrieren überwindet, die im Normalen wohl eher nicht eingerissen würden. Jene von Scham und jene von falschem Stolz. Wir geben zu, was weh tut und wovor wir Angst hatten. Aber immer erst in diesem Augenblick, da das Angstmachende zunächst überwunden scheint. Vorher waren wir dazu eben doch zu feige und darauf versteift, Optimismus aus jeder Pore platzen zu lassen. Patient wie Besucher. Dann fallen die Granitsteine langsam ab und wir haben nicht mehr das Gefühl, unser Gesicht als Maske wahren zu müssen, sondern packen das wahre unausgeschlafene, pickelige Ich wieder nach vorne. Und genau das tut gut. Patient wie Besucher.


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