stufen

Was ist es, dass einen Texte schreiben lässt, die in manchen, sehr speziellen Situationen im Leben treffen – mir die Tränen in die Augen treiben? Obwohl ich sie – und das macht es noch spezieller – schon zigfach gelesen habe? Es sind immer jene gebrochenen Gestalten in der Literatur und im Film, die meine Zuneigung erhalten – genau wie jene gebrochenen Geister, die sie erschufen. Es sind nie die Glatten, Sauberen, die mich anziehen, sondern jene mit Narben im Gesicht und auf der Seele. Ob es ein Spiegel ist, in den ich zu blicken meine, diese These vermag ich nicht aufzustellen, denn sie wäre vermessen. Denn nie, nie im Leben werde ich solche Zeilen schreiben können, die salziges Wasser in die Augen schicken und das Herzerl zu einem Packerl verschnüren. Aber ich fühle mich aufrichtig verstanden und verneige mich vor der Kunst, dieses Gefühl in mir aufkeimen lassen zu können. Verstehe ich mich doch selbst am wenigsten. Manchmal. Zu oft. Und dann, genau dann, zitiert irgendwo jemand auf der Welt eben jene Zeilen. In Gänze  - und nicht nur den Saint Exupéry Part. Auf dass die Sonne wieder scheine. Und das Packerl wieder gesunde.

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse


 

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