dancing in the dark

Es ist schon – nennen wir es höflich – spannend, was ein auf entsetzliche Art und Weise vollzogener Suizid wie der von Robin Williams auslöst. In mir, “der Gesellschaft”, in mir als Teil der Gesellschaft – und bei Menschen, die depressiv sind und sich wohl staccatoartig die Augen reiben bei dem, was sie da so lesen müssen. Ich beschäftige mich akut selbst viel mit diesem Thema (falls das jemandem noch nicht aufgefallen sein sollte), mit der Diskussion, ob Depression die Anerkennung als Krankheit wie eine Herz-Kreislauf-Erkrankung “verdient”, mit den Gedanken, dass es Menschen gibt, die diesen Zustand für immer in ihr Leben integrieren müssen. Und es – das zeigt auch das Schicksal von Robin Williams – nicht können, nicht wollen. Nicht nur in Deutschland hat Depression immer noch einen “igittibäh”-Appendix. Wenn aber ein Prominenter es nicht mehr schafft, die Dunkelheit in seinem ach so glamourösen Leben zu ertragen und sich an einem Ledergürtel mit blutenden Pulsadern mitten an einem Tag auslöscht, dann ist man betroffen. Ich auch. Und deswegen wage ich es fast nicht zu verurteilen, was genau das Wort Depression in so einem Zusammenhang auslöst.

Aber (was wäre ich ohne dieses Wort?): Es sind Begriffe wie “Kampf”, “aufgegeben” und “verloren”, die mich schütteln lassen. Und ja, ich gebe es zu, ich konnte gestern dennoch nicht aufhören, zumindest die ersten Absätze dieser unsäglichen Artikel zu lesen. Mehrfach be- und getroffen, denn das Niveau war dermaßen plakativ abgesenkt, dass ich einfach nur hoffen kann, dass die Sätze aus Unsicherheit so formuliert wurden. Ich habe vielleicht nicht genug Fantasie, mir vorzustellen, dass nicht jeder von uns im Freundeskreis mal jemanden durch solche Dinge begleiten muss – oder selbst solche am eigenen Leib erfährt. In jene Menschen müsste sich so ein Schreiberling nur eine Sekunde versetzen. Und vielleicht daraufhin einfach nur zugeben, dass das Geschehene ein großer, aber nicht zu formulierender Verlust ist, da man nicht mal im Ansatz erahnen, was einen Menschen zu einer solchen Handlung treiben kann.

Depression ist nicht zu vergleichen mit einer durch Übergewicht herbeigeführten Herzschwäche. Keine Leberzirrhose, die auf zuviel Alkoholmissbrauch basiert. Es gibt Krankheiten, die man sich zwar nicht aussucht, aber durch seinen Lebenswandel herbeirufen kann. Gegen diese kann man verlieren, gewinnen, kämpfen – weil ein Fitzelchen Selbstbestimmung bleibt. Depressive in die gleiche Schublade zu stecken ist einfach – und falsch. Vielleicht auch, weil Depression als Schwermut benannt romantische und tragische Züge zugleich haben kann.

Aber sie ist weit weniger charmant, als man den Büchern glauben mag. Und gerade im letzten Artikel schrieb ich, wie ich mich zu jenen Menschen hingezogen fühle, die es in unserer perfekten Welt wagen, ihre Scherbenseelen, Narbengesichter und Frohmutfragilität zumindest etwas nach außen zu tragen. Eine schwere Depression lässt einem hier vielleicht noch nicht einmal die Wahl. Sie ist stärker als alle Kriege, das rinnt aus jeder Zeile, die Menschen über diesen Zustand schreiben.

Eine Forscherin hat herausgefunden, dass depressive Menschen ungewohnt häufig an einem gewissen Gendefekt ist leiden. Das wäre es dann auch schon. Wenn auch mit furchtbaren Konsequenzen. Aber es würde jenen den Kopf kürzen, die mit Depression kokettieren, wenn sich ernsthafter mit diesem Umstand als einer Art biologisch bedingtes Phänomen beschäftigt werden könnte. Denn jene, die am lautesten Burn Out schreien, sind doch am weitesten von ihm weg. Es gelingt mir immer noch nicht, meine wüsten Gedanken so zu sortieren, dass sie für euch verständlich bleiben. Auch an Tag 2 bleibe ich verwirrt zurück, dass der einzige Clown, den ich wirklich mochte, keine tollen Dinge mehr für mich tun kann. Reiner Egoismus meinerseits also, denn ich bin mir sicher, ihm geht es jetzt besser – weil Ruh´ ist.

Es rührt mich, dass Tausende Menschen auf Tische steigen, mehr als die Meere von Blumen an unzähligen Orten, denn noch immer heben sich mir bei dieser Szene die Tränen in die Augen. Diese wollen jedoch nicht über ihre Hemmschwelle gehen und abrollen, sondern mir lieber unkontrolliert den Hals zuschnüren, aber das ist ok. Es gibt keine Höhen, weite Blicke, ohne Täler mit viel Nebel.


 

1
O CAPTAIN! my Captain! our fearful trip is done;
The ship has weather’d every rack, the prize we sought is won;
The port is near, the bells I hear, the people all exulting,
While follow eyes the steady keel, the vessel grim and daring:
But O heart! heart! heart! 5
O the bleeding drops of red,
Where on the deck my Captain lies,
Fallen cold and dead.

 

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Eine Antwort auf dancing in the dark

  1. Holger S. sagt:

    Nano-Nano :/

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